Spieglein, Spieglein an der Wand



Wie uns das Märchen von Schneewittchen lehrt, sollten wir nicht zu oft den Spiegel befragen, denn seine direkte Wahrheit kann uns unser Leben so richtig zur Hölle machen. Aber gerade wir Frauen kommen ohne Spiegel ja kaum aus. Ja, sogar in der Männerwelt geniesst der Spiegel heutzutage bemerkenswerte Beachtung. Der momentane Körper-, Gesundheits- und Fitnesskult ist meiner Meinung nach bedenklich. Man könnte meinen, eine Frau besteht heute nur noch aus Lippen, Titten, Arsch und langen Stelzen. Hirn und Herz sind höchstens noch eine willkommene Beilage. Doch ich möchte gar nicht auf dieser momentanen Begebenheit rumhacken, viel eher interessiert es mich, wie es denn soweit kommen konnte? Und was dies über unsere Gesellschaft aussagt? Vor allem aber möchte ich mich da gar nicht ausnehmen, denn meine Vorstellung von Schönheit hat auch mich bereits einige leidvolle Erfahrungen gekostet.


Warum ist der Spiegel insbesondere für uns Frauen so wichtig? Bereits in der Bronzezeit existierte eine Art Spiegel. Bei den Ägyptern gehörte der Spiegel, bestehend aus einer polierten Bronzeplatte, zur Standardausstattung bei Grabstätten für Frauen. Die Schönste zu sein, das ist für uns Frauen anscheinend quasi ein Grundbedürfnis. Warum ist das so? Nun, ich gehe stark davon aus, dass dies mit dem grossen Wunsch nach Liebe, Anerkennung, Fortpflanzung und somit dem Überleben zu tun hat. Weit hergeholt? Dann lasst mich mal ausholen.

Es ist ja bekannt, dass Männer sich vor allem von der Schönheit des weiblichen Körpers angezogen fühlen, im Besonderen von einem Schmollmund, prallem Busen, knackigem Po und langen Beinen. Diese Kombination verkörpert nämlich einerseits die üppige, nährende, reife Frau und andererseits das unschuldige, süsse, kleine Mädchen. Welcher Mann träumt nicht davon, die Lady aus- und das Luder heimzuführen? Jedenfalls stehen grosser Busen und breites Becken für eine gebärfreudige Dame, der Schmollmund für sinnliche Küsse und die langen Beine für Schnelligkeit und eine gute körperliche Verfassung.


Werfen wir einen Blick zurück in die Steinzeit. Das Leben in der Steinzeit war hauptsächlich vom Überleben geprägt, sprich Nahrungsbeschaffung und Fortpflanzung. Menschen mit langen Beinen konnten schneller vor Gefahren fliehen. Frauen mit breitem Becken hatten einfachere Geburten, solche mit grossem Busen versprachen mehr Nahrung für den Säugling und jene mit einem grossen Mund und vollen Lippen konnten viel und ausgiebig verschlingen (hier wird von der Nahrung gesprochen). Es leuchtet uns somit ein, dass sich der Mann gerne mit einem Weib paarte, welches dem Nachkommen die besten Voraussetzungen bot. Wie dem auch sei, auf jeden Fall liegt es in der Natur des Menschen, dass der Mann der Jäger/Eroberer ist und die Frau sich quasi als ehrenvolle Beute präsentiert. Wir Frauen zum Beispiel kennen das Spiel der Verführung. Instinktiv wissen wir genau, wie wir mit unseren Reizen kokettieren müssen, um eine gezielte Wirkung beim Gegenüber zu erzeugen. Ein gewagter Ausschnitt, eine enganliegende Hose, High Heels, rote Lippen, ein intensiver Blick, ein strahlendes Lächeln, eine unschuldige Miene, das sind nur ein paar Tricks aus dem Repertoire, mit dem wir Frauen die Männerwelt bezirzen. All das sind äusserliche Reize, welche auf Schönheit und Attraktivität zurückzuführen sind. Zum Glück sind die Geschmäcker verschieden, sodass wir davon ausgehen dürfen, dass auf jeden Topf ein Deckel passt, aber die Schönheit ist tatsächlich eine Waffe der Frau. Gehen wir feiern, so schminken wir uns, ziehen uns etwas Hübsches an, schmücken uns mit netten Accessoires und bringen somit unser äusseres Erscheinungsbild auf Hochglanz. Kein Wunder also ist der Spiegel unser stetiger Begleiter, Freund und Feind zugleich.


Werfe ich einen Blick in den Spiegel, stechen mir meine Unzulänglichkeiten sofort ins Auge. Am allermeisten stören mich die Pickel im Gesicht. Sie machen mir schon seit meinem 13. Lebensjahr zu schaffen. Meist sind es grosse, fette, rote Teile, sodass man sie auch ja nicht übersehen kann. Nebst ihrem ekligen Erscheinungsbild schmerzen sie meist auch noch richtig doll. Trotz Pflege, zweimal täglich, verfügen diese dicken Dinger über eine enorme Ausdauer und hinterlassen oft noch einen kleinen Erinnerungsgruss, den man auch noch Jahre später bei genauem Hinsehen erkennen kann. Zum Heulen ist das! Diese Pickel haben mich echt schon viele Nerven gekostet und Wunden auf meiner Seele hinterlassen. In der Pubertät, die Hochblüte der Akne, konnte mich meine Schwester jeweils dermassen tief verletzen, wenn sie mich im Streit hasserfüllt anschrie, dass ich niemals einen Mann finden werde, der mich liebt, wenn ich mit solch hässlichen Pickeln durch die Welt spazieren würde! Bäm, das sass! Darauf wusste ich jeweils nicht mehr, was ich entgegnen sollte, als hätte mich der Blitz getroffen. Es war ein Stich mitten in mein tiefstes Inneres, ich war völlig entwaffnet. Unweigerlich hatte sie recht, noch mehr, mit dieser Aussage hatte sie meine grössten Befürchtungen, meine tiefsten Ängste ausgesprochen. ICH BIN HÄSSLICH! Und hässlich ist gleichbedeutend mit unbeliebt und nicht liebenswürdig. Dies wiederum hätte zur Folge, dass ich einsam und verlassen durch diese Welt gehen müsste. Denn wer würde schon einen hässlichen Menschen lieben? Niemand! Naja, die Prophezeiung meiner Schwester ist gottseidank nicht eingetreten. Immer wieder einmal hat sich ein männliches Wesen in mich verliebt und das auch trotz meiner Pickel. Entgegen der Annahme habe ich meine Pickel nämlich meist gross zur Schau getragen. Nur selten habe ich mich geschminkt oder Abdeckstift benutzt. Warum? Weil ich auf natürliche Art und Weise schön sein wollte. Ich wollte in den Spiegel sehen können, mich attraktiv finden und es als Besonders erfahren, wenn ich mich schminkte. Das Schminken sollte das Tüpfelchen auf dem i sein. Ich wollte nicht, dass ich beim abendlichen Abschminken jeweils in eine Depression verfallen würde, weil mein wahres Gesicht zum Vorschein kam. Ich wollte mich auch mit Pickeln schön finden. Freundschaft habe ich jedoch mit meinen Pickeln nie geschlossen. Ich finde mich zwar auch mit Pickeln hübsch und kann mich mit ihnen auch in der Öffentlichkeit zeigen, ohne mich zu schämen. Dennoch träume ich von dieser glatten, sauberen und schönen Haut, die manche Zeitgenossinnen zur Schau tragen. Ja, es gibt sie nämlich, die ziemlich perfekte Haut. Kann schon sein, dass auch diese Menschen ab und an mal kleine Unreinheiten haben, aber das ist nichts im Vergleich von dem was ich hier spreche. Meine Haut ist leider wirklich nicht ideal. Sie weist nämlich nicht nur Pickel auf, sie ist auch leicht gerötet. Ach, es ist echt ein Jammer! Ich könnte so viel schöner sein, mein Gott, ich wäre eine Granate, wenn meine Haut gesund und schön wäre! Pickel und unreine Haut ekeln mich und es bleibt dabei, basta! Nach unzähligen Versuchen mit verschiedenen Pflegeprodukten, Anti-Babypille und Roacutan-Kur, was zwar für die Zeit der Anwendung die Akne in Schach hält, aber diese niemals vollends bekämpft, habe ich mich nun für den längeren, mühsameren, aber in meiner Hoffnung effektiveren Weg entschieden: Ich möchte den Ursprung meiner Akne erfahren. Louise Hay schrieb in ihrem Buch «Heile deinen Körper» der Grund für Akne sei, dass man sich selbst nicht mag und sich selbst nicht annehmen kann. Klingt hart, aber wenn ich wirklich ehrlich zu mir bin, dann ist da sogar was dran. Immer und immer wieder gerate ich an dieselben Themen, Selbstliebe und Selbstakzeptanz. Dem derzeitigen Körperkult entnehme ich, dass diese beiden Schlagworte nicht nur meine treuen Begleiter sind, sondern offenbar in weiten Kreisen der heutigen Gesellschaft fehlen. Liebe dich selbst ist leicht gesagt und es kommt mir auf Instagram und allen Social Media Kanälen auch zu Hauf entgegen, aber die Umsetzung der Selbstliebe und Selbstakzeptanz ist gar nicht so einfach, vielleicht ist es sogar die allergrösste Herausforderung im menschlichen Dasein. Im Matthäus Evangelium 22:34-39 sagt Jesus «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Vielleicht befolgen wir dieses Gebot schon, aber weil wir uns selbst nicht lieben können, können wir auch nicht unseren Nächsten lieben. Dieser Satz von Jesus, der mir als einer der wenigen aus dem Religionsunterricht geblieben ist, setzt voraus, dass ich mich selbst liebe. Vielleicht ein fataler Fehler Jesus’ anzunehmen, dass wir Sterblichen uns selbst lieben?

In diesem Moment der Enthüllung meiner innersten Ängste, als meine Schwester mir diese kränkende Prophezeiung um die Ohren warf, war ich der bösen Königin im Märchen Schneewittchen wohl extrem nahe. Wie musste sich die Königin gefühlt haben, als der Spiegel ihr antwortete, dass es hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen noch eine hübschere Frau gab als sie selbst?! Als der Spiegel ihr bestätigte, wovor sie sich täglich fürchtete, nämlich dass sie nicht mehr die Schönste im Lande wäre. Spiegel zeigen uns immer die Wahrheit und die Wahrheit hat oft etwas Verletzendes. Meine Schwester war in diesem Moment auch mein Spiegel und hat meine innere Wahrheit über mich freigelegt, das was ich selbst über mich dachte. In diesem Moment hätte ich meine Schwester am liebsten in der Luft zerrissen, diesen furchtbaren Spiegel in tausend Stücke zerschlagen. Aber eigentlich bin ich meiner Schwester sehr dankbar, denn sie hat mir, wenn auch auf sehr schmerzliche Weise, aufgezeigt, wo sich bei mir eine grosse Baustelle befindet. Das habe ich erst viele Jahre später erkannt, als mir das Buch von Louise Hay in die Finger kam. Ja, der Spiegel verheimlicht uns nichts. Unser stetiger Freund und Begleiter, Hüter der Wahrheit, Spieglung unserer Selbst.


Ekel und Angst sind sehr nahe beieinander. Das, wovor wir uns ekeln, das ängstigt uns auch. Mit dem Ekel vor Hässlichkeit ist auch die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit verbunden. Es scheint, als wäre nichts schlimmer für uns Menschen, als das Gesicht zu verlieren. Nackt dazustehen ohne Maske, ohne Schutz. Sich selbst anzunehmen, voll und ganz, so wie man ist, mit allen Fehlern und Makeln, das fällt uns besonders schwer. Leicht fällt es uns hingegen, im Gegenüber Unzulänglichkeiten zu entdecken, genauso, wie wir auch gerne unser Gegenüber glorifizieren und verherrlichen. Das was wir jedoch im Gegenüber sehen, ist immer nur der Spiegel unserer selbst. Mit folgender Spiegelübung möchte ich dir eine Türe zu deiner Selbstliebe und Selbstakzeptanz öffnen.



Spiegelübung - Spieglein, Spieglein in der Hand -

Positioniere dich vor einem Spiegel oder noch besser, verwende einen Handspiegel und mach es dir bequem. Vielleicht liegst du auf deinem Bett und zündest dir auf dem Nachttischchen eine Kerze an. Versetze dich in eine angenehme, liebevolle und geborgene Stimmung. Dann schaue dein Gesicht zehn volle Minuten im Spiegel an. Betrachte dich eingehend. Deine Kopfform, deine Augen, deine Nase, deinen Mund, deinen Hals. Was siehst du? Wer blickt dir entgegen? Wie sieht dieser Mensch aus? Ist er glücklich? Kann er lachen? Schau dich liebevoll an. Wiederhole immer wieder folgende Worte, spreche sie laut aus, direkt zu deinem Spiegelbild:

Ich liebe und akzeptiere mich, genauso wie ich bin. Ich bin wunderbar.


Wiederhole diese Übung möglichst oft und du wirst sehen, dass sich etwas in deinem Leben zu ändern beginnt. Ich wünsche dir viele schöne Momente mit dir selbst. Love you!



Bist du unzufrieden mit dir? Gefällt dir das, was du im Spiegel siehst nicht? Möchtest du deine Einstellung dir gegenüber ändern? Möchtest du erfahren, wie es ist, dich selbst zu lieben und zu akzeptieren? Gerne unterstütze ich dich dabei. Kontaktiere mich für einen Termin: https://www.shiningphoenixcoaching.ch/kontakt





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